Geburtsstunde schlug im Tal der „Latin
Farmer“
175 Jahre Belleville Public Library
200. Geburtstag von Friedrich Hecker
Von Wolfgang Stüken

Dieses Gebäude ist seit 1916 ihr Domizil:
Die Belleviller Stadtbibliothek.
Der Stein davor erinnert an das Gründungsjahr 1836.
Foto: Sierra Voss
(St. Clair County Historical Society). |
Es war im Jahr nach dem berühmten Hambacher
Freiheitsfest des Jahres 1832 und eine Folge des Frankfurter
Wachensturms von 1833. Der sollte den Weg zu einer deutschen
Republik ebnen, scheiterte aber kläglich: Eine Reihe Bürger,
an deutschen Universitäten in akademischen Berufen gebildet,
aber der Unterdrückungen und Repressalien in den
Fürstentümern des Deutschen Bundes restlos überdrüssig,
suchte jenseits des Atlantiks eine neue Heimat. Auch
politische Flüchtlinge waren darunter. Es verschlug sie in
den Süden des US-Bundesstaates Illinois. |
Eigentlich hätte ihnen das rasch wachsende St. Louis
auch beruflich eine Menge Perspektiven bieten können. Aber St. Louis
lag in Missouri, und dort war die Sklaverei erlaubt. Das schreckte
die Freiheit suchenden, vor allem aus Hessen und der Pfalz
stammenden Einwanderer ab. Auf der anderen Seite des Mississippi, in
der Nähe des Städtchens Belleville im sklavenfreien Illinois, fanden
sie im Shiloh Valley fruchtbares Farmland. Dort bauten sie zunächst
einfache Blockhütten und versuchten, in der neuen Heimat einem für
sie völlig fremden Beruf als Landwirte eine neue Existenz
aufzubauen. Und da sie gebildete, kulturell stark interessierte
Menschen waren, hießen sie in der ganzen Gegend bald „Die Lateiner“
oder „Latin Farmer“.
Die meisten Blockhütten wichen schon wenige Jahre später
gemütlicheren und größeren Farmhäusern. Andere der deutschen
Einwanderer im Shiloh Valley, die über Vermögen verfügten, erwarben
bald nach ihrer Ankunft betriebsbereite Farmen, die von
amerikanischen Vorbesitzern errichtet worden waren. Nicht alle
„Lateiner“ wurden erfolgreiche Bauern. Insgesamt aber wurde das Tal
von Shiloh ein blühendes Fleckchen Erde.
Häufig trafen sich die „Latin Farmer“ mit ihren Familien sonntags zu
gemütlichen Picknicks, um Lieder aus der alten Heimat zu singen, um
literarischen Lesungen zu lauschen oder über Bücher zu plaudern, die
sie aus Deutschland mitgebracht hatten oder die gerade die in der
neuen Heimat USA als Neuerscheinungen im Gespräch waren. Und
natürlich liebten sie es, politische Themen der alten und neuen Welt
zu debattieren.
An so einem Sonntag, dem 26. Juni 1836, war die Farm von Anton
Schott der Treffpunkt. Der aus Frankfurt am Main stammende
Gastgeber, ein sehr belesener Doktor der Theologie und Philosophie,
verwies auf das gerade in den USA erscheinende mehrbändige Werk
„Life and writings of George Washington“, herausgegeben von dem
Historiker Jared Sparks (1789-1866). Für einen einzelnen Leser sei
dieses für die Geschichte der USA wertvolle Werk eine sehr teure
Anschaffung, befand Schott und regte an, die zwölf Bände, die
zwischen 1834 und 1837 auf den Markt kamen, in einer
Gemeinschaftsaktion zu erwerben und sie allen, die sich an der
Anschaffung beteiligten, zugänglich zu machen. Damit war die Idee
einer Bibliotheksgesellschaft geboren.

Die Schott-Farm in Shiloh Valley:
Im Farmhaus rechts wurde 1836 die Bibliotheksgesellschaft
gegründet.
Repro: Wolfgang Stüken |
Schott ermunterte andere „Lateiner“ aus
Shiloh Valley, von denen er wusste, dass sie wie er selbst
zahlreiche Bücher in die USA mitgebracht hatten, dabei zu
sein. Die Bücher könnten den Grundstock einer Bibliothek
bilden, schlug er vor. Beim Sonntags-Treffen am 17. Juli
wurde im Schott’schen Farmhaus die Gründung perfekt gemacht.
16 „Lateiner“ hoben die Deutsche Bibliotheksgesellschaft von
St. Clair County aus der Taufe. |
Unter den Gründungsmitgliedern befand sich der
Jurist Gustav Körner (1809-1896), der wie Schott aus Frankfurt
stammte. Nach dem gescheiterten Wachensturm in der Stadt am Main war
Körner in die USA geflohen und unter den lateinischen Bauern
ansässig geworden – allerdings nicht als Landwirt. Der Jurist Körner
entschied sich zu einem Zusatzstudium in amerikanischem Recht und
ließ sich als Anwalt in Belleville nieder. Körner und zwei weitere
„Lateiner“ wurden von der Gründungsversammlung beauftragt, für die
Bibliotheksgesellschaft eine Satzung zu entwerfen. Beim Treffen am
18. August 1836 wurde sie verabschiedet. Anton Schott wurde zum
Bibliothekar gewählt. Körner bezeichnet ihn in seinen Memoiren als
„Seele dieser Unternehmung“. Schott bot sein Farmhaus als Standort
der kleinen, aber wachsenden Prärie-Bibliothek an. Aufgrund von
Schenkungen der Gründungsmitglieder konnte die junge Bibliothek nach
nur vier Wochen einen Bestand von 93 Bänden vorweisen. Am Ende des
ersten Jahres waren es bereits 346. Die meisten Bücher waren
deutschsprachig. Aber auch Werke in französischer, lateinischer,
spanischer und hebräischer Sprache befanden sich darunter.
Jeder der 16 Gründer zahlte einen ersten Jahresbeitrag von drei
Dollar in die Kasse der Bibliothek. Bald schrieben sich weitere
Mitglieder ein, unter ihnen mit Charlotte Frays die erste Frau. Und
ein Westfale, dessen Wurzeln mit hoher Wahrscheinlichkeit im Raum
Paderborn zu orten sind, war auch darunter: Hermann von Haxthausen.
Der an einer Universität gebildete Freiherr, der vermutlich der so
genannten „schwarzen Linie“ derer von Haxthausen entstammt, deren
Geschichte eng mit Dedinghausen im heutigen Bad Lippspringe
verknüpft, aber wegen erheblicher Archivverluste weitgehend
unerforscht ist, war Anfang der 1830er Jahre mit seinem Bruder
Heinrich in die USA emigriert und unter den „lateinischen Bauern“
von Shiloh Valley ansässig geworden. Auch Hermann von Haxthausen
besiegelte mit dem ersten Jahresbeitrag von drei Dollar den Beitritt
zur Bibliotheksgesellschaft. Die Informationen über die beiden in
die Vereinigten Staaten emigrierten Haxthausen-Brüder sind bislang
spärlich. Es gibt Hinweise, dass der als Farmer eher glücklose
Hermann von Haxthausen später nach Deutschland – in den Raum
Paderborn – zurückgekehrt ist, um das Erbe eines verstorbenen
Verwandten anzutreten. Hermann von Haxthausens Beitritt zur
Bibliotheks-Gesellschaft des Kreises St. Clair dürfte ein Hinweis
auf die früheste Verbindung zwischen den beiden heutigen
Partnerstädten sein, die bislang bekannt ist.
 |
Seit der Gründungszeit dabei: Der Westfale
Hermann von Haxthausen besiegelte 1836 mit seiner
Unterschrift den Beitritt zur Bibliotheksgesellschaft.
Repro: Wolfgang Stüken |
Als am 18. September 2011 (wieder ein Sonntag!) die Stadtbibliothek
in Belleville mit einer Feierstunde und einer Ausstellung in den
Räumen ihrer Hauptstelle an der West Washington Street 121 ihr
175jähriges Bestehen feierte, zählte Bürgermeister Mark W. Eckert zu
den ersten Gratulanten. In der Ausstellung waren die gut erhaltene
Erstanschaffung der Bibliotheksgesellschaft von 1836, „Life and
writings of George Washington“, und Protokolle aus der Gründungszeit
der Vereinigung zu sehen. Schüler aus Deutsch-Kursen der beiden
Belleviller Highschools East und West rezitierten aus Werken
deutscher Dichter wie Goethe und Schiller, die zu der so genannten „Founders
Collection“, also dem aus der Gründungszeit stammenden ältesten
Bestand der Belleviller Stadtbibliothek, stammen. Zu hören waren
unter anderem Verse aus Goethes „Erlkönig“ und Schillers „Mädchen
aus der Fremde“. Vorbereitet hatten diese besondere Lesung die
beiden als Betreuer im Schüler- und Jugendaustausch in Paderborn gut
bekannten Pädagogen Andy Gaa und Katie McDowell.
 |
| Leander Spearman, der neue Direktor der
Belleville Public Library, und Dana Prusacki, Archivarin
der Bibliothek, zeigen einen der Bücherschätze aus der
Anfangszeit: Den ersten Band der ab 1836/37
angeschafften Reihe „Life and writings of George
Washington“. Foto: Wolfgang Stüken |
In späteren Jahren hatte die Bibliotheksgesellschaft unter anderem
auch Werke der westfälischen Dichterin Annette von Droste-Hülshoff
angeschafft. Und auch Karl May fehlte nicht.
Ein Fan der Belleville Public Library schrieb nach der Feier
begeistert in einem Internet-Blog der Belleviller Zeitung News
Democrat über die 175-jährige Bibliothek: „Wir sind so glücklich,
ein solches Juwel in unserer Stadt zu haben.“ Die „Founders
Collection“ umfasst mit rund 3.400 Büchern einen stattlichen
Bestand. Jedes Exemplar dieses Bücherschatzes wird ein einer
säurefreien Box aufbewahrt.
Glückwünsche zum 175. Geburtstag der Belleville Public Library kamen
auch aus Paderborn. Bürgermeister Heinz Paus, der vom
Deutsch-Amerikanischen Freundeskreis (DAFK) einen Hinweis auf diesen
Jahrestag erhalten hatte, gratulierte in einem Schreiben an seinen
Belleviller Amtskollegen Mark Eckert zu diesem „tollen Jubiläum“. Er
sei immer wieder erstaunt, wie viele Bezüge zu Deutschland sich in
Belleville finden lassen, schrieb er angesichts der von deutschen
Auswanderern gegründeten Bibliothek. Paus regte aus Anlass des
Jubiläums „eine konkrete Zusammenarbeit“ zwischen den beiden
Stadtbibliotheken von Belleville und Paderborn, zum Beispiel im
Rahmen eines Ausstellungsprojektes, an. Als Geschenk für die
Belleviller Stadtbibliothek schickte er ein Paket mit mehreren
Exemplaren der Chronik „Paderborn – Im Spiegel der Zeit“ (2010) und
der erst wenige Wochen zuvor erschienenen englischsprachigen Version
(Paderborn – Through the Ages“ (2011) in die Partnerstadt jenseits
des Atlantiks. Weitere Paderborn-Bücher, in denen sich demnächst
interessierte Belleviller Bürger über die deutsche Partnerstadt und
ihre Geschichte informieren können, werden folgen, unter anderem
über Mitglieder des DAFK. Als Paderborns Stadtarchivar Rolf-Dietrich
Müller von dieser Spende erfuhr, stellte er spontan eine Ausgabe der
dreibändigen Stadtgeschichte von 1999 für die Belleviller Bücherei
zur Verfügung.
 |
| Eines der Buchpräsente zum Bibliotheksjubiläum
aus Paderborn: Wolfgang Stüken vom
Deutsch-Amerikanischen Freundeskreis (l.) überreichte am
17. November 2011 bei einem Besuch in Belleville den
ersten Band der dreibändigen, von Stadtarchivar
Rolf-Dietrich Müller zur Verfügung gestellten
Paderborner Stadtgeschichte von 1999. Bibliothekschef
Leander Spearman (Mitte) will in den Regalen seiner
Bibliothek eine kleine Paderborn-Abteilung einrichten,
in der sich Belleviller Bürger ausgiebig über die
deutsche Partnerstadt informieren können. Bellevilles
Bürgermeister Mark Eckert (r.) wird dazu jene deutsch-
und englischsprachigen Paderborn-Bücher beisteuern, die
ihm sein Amtskollege Heinz Paus zum
Bibliotheks-Geburtstag übersandt hat. Spearman und
Eckert bekundeten ihr Interesse an einer Zusammenarbeit
mit der Stadtbibliothek Paderborn – denkbar sind
beispielsweise gemeinsame Ausstellungsprojekte. Foto:
Renate Stüken |
Als Heinz Paus im Vorfeld des Belleviller Jubiläums mit
Vorstandsmitgliedern des DAFK und der stellvertretenden Leiterin der
Paderborner Stadtbibliothek, Frederike Sommer-Hennige, über die
Buchgeschenke für Belleville sprach, staunten seine
Gesprächspartner: War Heinz Paus doch der Begriff der „Lateinischen
Bauern“ aus seiner Jugend durchaus vertraut. Im westlichen
Münsterland sei, wenn Brüder eines Landwirts, die ihrerseits einen
akademischen Beruf erlernt oder ein Hochschulstudium begonnen
hätten, aber nach dem Tod des Bauern, etwa im Krieg, plötzlich den
heimischen Hof hätten übernehmen müssen, seien diese „Latinske Buern“
genannt worden, berichtete Paus.
Die „Lateinischen Bauern“ von Shiloh Valley im südlichen Illinois
hüteten ihre im Schott’schen Farmhaus untergebrachte Bibliothek bis
1853. Dann erfolgte der Umzug mit einem Bestand von 1.903 Büchern,
Landkarten und anderen Schriften in ein Gebäude der Kreisstadt
Belleville, das später „Old Fellow Hall“ genannt wurde. 1860
fusionierte die Bibliothek mit der – stark von Musikliteratur
geprägten – Bücherei des Belleviller Sängerbundes. Es erfolgte ein
Ortswechsel in ein zentraler gelegenes Domizil an der Ecke Main
Street/First Streets.

Lesesaal der Stadtbibliothek Belleville kurz nach Beginn des
20. Jahrhunderts. Die Bibliothek war damals in zwei Etagen
der Stadtverwaltung untergebracht. Der Lesesaal wurde einige
Jahre später zum Sitzungssaal des Rates umgebaut. Das
Gebäude an der Ecke South Illinois/West First Streets wurde
später abgerissen.
Repro: Wolfgang Stüken |
Im Jahre 1883 wechselte die Bibliothek als
Geschenk der Bibliotheksgesellschaft in das Eigentum der
Stadt Belleville – mit der Maßgabe, sie als öffentliche
Bücherei allen Bürgern zugänglich zu machen. Die Stadt
quartierte ihre neue, weiter wachsende Kultureinrichtung –
etwa 75 Prozent der 6.000 Bände waren deutschsprachig – im
Abstand mehrerer Jahre in zwei Feuerwachen um. Ein deutscher
Auswanderer, Henry Raab (1837-1901, stammte aus Wetzlar,
1854 ausgewandert), der sich große Verdienste um den
Bildungssektor in Belleville und darüber hinaus erwarb,
öffnete als erster Bibliothekar die Ausleihe 1884 sonntags
eine Stunde lang für Kinder. Frauen konnten sich ab 1873 als
Nutzer einschreiben. |
1893 konnte die Bibliothek in neue, größere Räume in
zwei Etagen der neu erbauten Stadtverwaltung umziehen. Auch dort
wurde es nach einigen Jahren zu eng. 1916 wurde mit Geldern der
Carnegie-Stiftung das heutige Bibliotheksgebäude errichtet werden.
1925 wurde eine Zweigstelle in einem Drugstore der Weststadt
eröffnet – heute ist in diesen Räumen das Blumengeschäft von Mark
Eckerts Ehefrau Rita zu finden. Das Hauptgebäude der Bibliothek
wurde 1975 erweitert, eine neue Zweigstelle 1989 eröffnet.
Zwischendurch, in den 1970er und frühen 1980er Jahren, sammelte die
Stadtbibliothek Erfahrungen mit einem Bücherbus. Der erste Computer
für Nutzer der Bibliothek hielt 1988 Einzug.
Aber auch im Computerzeitalter ist es schwer, nachzuweisen, ob die
Belleviller Stadtbibliothek tatsächlich die älteste Bibliothek von
ganz Illinois ist. Bella Steuernagel, langjährige Belleviller
Bibliothekarin und Bibliothekschefin von 1918 bis 1959, behauptete
dies in einem historischen Rückblick, den sie zum 100-jährigen
Jubiläum im Jahre 1936 veröffentlichte. Ganz sicher ist die
Belleville Public Library eine der ältesten Bibliotheken des
Bundesstaates Illinois. Ist sie doch drei Jahre älter als die 1839
gegründete Staatsbibliothek in Springfield.
Die ersten Jahrzehnte der Bibliotheksgeschichte im 19. Jahrhundert
sind neben dem Namen Anton Schott eng mit dem Namen Gustav Körner
verbunden. Obwohl er von Belleville aus Karriere in der Politik des
Staates Illinois machte (Vize-Gouverneur), zu den Gründern der
Republikanischen Partei und zu den großen Unterstützern des
Präsidentschaftskandidaten Abraham Lincoln zählte, nahm sich Körner,
als Sohn eines Frankfurter Verlegers gewissermaßen von Geburt an mit
dem Büchervirus infiziert, trotz vieler politischer Verpflichtungen
stets Zeit für die von ihm 1836 mit gegründete Bibliothek. Als sie
1883 den Status einer öffentlichen Bücherei erlangte, ernannte
Bürgermeister Benjamin J. West jr. Gustav Körner zum Mitglied ihres
ersten Kuratoriums. Er und Theodor J. Krafft (1813-1896, aus
Alsenborn in der Rheinpfalz, 1832 ausgewandert, 1850 Bellevilles
erster Bürgermeister nach Erhalt der Stadtrechte) waren die einzigen
noch lebenden Grünungsmitglieder der Bibliotheksgesellschaft. Das
Kuratorium wählte Gustav Körner zum Präsidenten. Dieses Amt übte er
bis zu seinem Tod im Jahre 1896 aus. Mit Stolz habe er sich über die
lange Zeit seit ihrer Gründung für diese Einrichtung und ihre
erfolgreiche Entwicklung eingesetzt, hielt Körner in seinen Memoiren
fest, die er in seinen letzten Lebensjahren verfasste.
 |
Die Gemeinde Angelbachtal, in der sein Geburtsort
Echtersheim liegt, widmete ihrem berühmten Sohn
Friedrich Hecker zum 200. Geburtstag ein Jubiläumsjahr
mit zahlreichen Veranstaltungen:
www.heckerjahr2011.de |
Gustav Körner ist auch das Bindeglied zum zweiten
bemerkenswerten Jahrestag im September 2011, der mit Belleville,
Illinois, zu tun hat. Der Blick geht zurück in das Jahr 1832.
Nachts in einer Gasse in Heidelberg. Der von einem Kneipenbesuch
heimkehrende Jurastudent Gustav Körner geriet in eine Streiterei mit
einer Gruppe von Studenten.

Kämpfte um eine deutsche Republik: Friedrich Hecker
(1811-1881), eine Symbolfigur der 1848er Revolution.
Repro: Wolfgang Stüken |
Als er versuchte, die Streithähne zur Vernunft zu
bringen, nannte ihn einer der Kontrahenten einen „Blödmann“. Da war
für Körner das Maß voll. Er forderte Genugtuung für diese
Provokation – und seinen Gegenüber, den er nie zuvor gesehen hatte,
zum Duell heraus. „Hecker ist mein Name“, sagte dieser. „Mein Name
ist Körner“, gab der Herausforderer zurück. Ein paar Tage später
trafen sich die beiden im legendären Studentenlokal Hirschgasse der
Stadt am Neckar, um die Sache auszufechten. Ein Fechthieb Körners,
der seinen Gegner zwischen Daumen und Zeigefinger einer Hand traf,
sorgte bei Hecker für ziemlich schmerzhafte Erinnerungen an diese
Begegnung.
16 Jahre später. An einem Oktoberabend des Jahres
1848 klopfte es in Belleville an der Haustür Gustav Körners: Draußen
stand der ehemalige Heidelberger Duellgegner. Körner, der
Frankfurter Revolutionär des deutschen Vormärz, der längst dabei
war, in der Landespolitik von Illinois Karriere zu machen. Er wurde
von dem ebenfalls in die USA geflüchteten badischen Revolutionär
Friedrich Hecker herzlich als Duzfreund umarmt. Hecker bat Körner,
ihm in der Belleviller Gegend bei der Suche nach einer Farm
behilflich zu sein, denn er wolle sich hier niederlassen. Körner
machte sich mit Hecker, der sich zunächst in einem Belleviller Hotel
einquartierte, auf die Suche. Nach einiger Zeit wurden sie fündig.
Eine Farm, die in Summerfield in der Nähe von Bellevilles
Nachbargemeinde Lebanon im Kreis St. Clair zum Verkauf stand, wurde
Heckers Wohnsitz in den USA. Das Farmhaus, das Hecker von der
Familie Pattfield erworben hatte, wurde in den 1850er Jahren,
vermutlich 1856, durch ein Feuer zerstört. Hecker ersetzte das
Holzhaus durch einen aus Ziegelsteinen gemauerten Neubau . Dieser
wurde mit der Farm, die sich für einen wirtschaftlichen Betrieb als
mittlerweile zu klein erwies, Mitte der 1950er Jahre verkauft und
später abgerissen.
 |
Heckers erstes Domizil in Summerfield im Kreis
St. Clair nahe Belleville: Pattfield’s Farm.
Foto: Archiv Edward Hecker, St. Louis (Missouri) |
| |
 |
Der nach dem Brand errichtete Neubau – hier ein
Foto aus den 1930er Jahren.
Foto: Archiv Edward Hecker, St. Louis (Missouri) |
Während Gustav Körners 200. Geburtstag im Jahre 2009 in seiner
deutschen Heimatstadt Frankfurt am Main kaum beachtet, hingegen in
Belleville mit einer großen Feier begangen wurde, verhält es sich
bei Friedrich Hecker umgekehrt: Im Festkalender des Kreises St.
Clair oder von Belleville und Lebanon spielte Heckers 200.
Geburtstag am 28. September 2011 keine Rolle – seine badische Heimat
Angelbachtal im Kraichgau (Rhein-Neckar-Kreis), in deren heutigem
Ortsteil Eichtersheim er geboren wurde, rief anlässlich des 200.
Geburtstages ein ganzes Hecker-Jahr aus und widmete ihm eine große
Ausstellung, Vorträge und Festveranstaltungen. Im Badischen wird
Hecker-Wein kredenzt, und das populärste Symbol dieses
Revolutionärs, der Hecker-Hut, erlebte als Souvenir im Jahr des 200.
Hecker-Geburtstages neue Beliebtheit. Der „badische Che Guevara“
(Südkurier, Konstanz) kam sogar als Titelheld auf die Theaterbühne:
Im Kurhaus der Schwarzwaldstadt Triberg wurde mit 100 Mitwirkenden
„Hecker – das Musical der badischen Revolution“ inszeniert. Die 13
Aufführungen lockten mehr als 5000 Zuschauer. Nicht nur sie waren
begeistert. Der Südwestrundfunk (SWR) lobte: „Heimatgeschichte
ideenreich und witzig erzählt.“ Einen der Schlussakzente des
Hecker-Jahres setzt das Badische Landesmuseum: „Friedrich Hecker –
Leben und Mythos eines Revolutionärs 1811-1881“ lautet der Titel
einer kleinen Ausstellung im Foyer des Karlsruher Schlosses (28.
September 2011 bis 8. Januar 2012).
Der am 28. September 1811 in Eichtersheim geborene Jurist wurde 1842
als junges Mitglied der Liberalen Oppositionspartei in die zweite
Kammer des badischen Landtags gewählt. Bald wurde er als Mann mit
großem Radetalent, aber auch als Vertreter radikaler Ansichten
bekannt. Als Hecker im Revolutionsjahr 1848 mit seinen Forderungen
nach politischer Umwälzung im Parlament scheiterte, brach er mit
einer Gruppe radikaler Republikaner zum „Heckerzug“ auf, um mit
Gewalt eine republikanische Staatsform durchzusetzen. Doch seine
hoffnungslos unterlegene Freischar wurde bei Kandern vernichtend
geschlagen. Auch Heckers Hoffnungen auf eine allgemeine
Volkserhebung zerplatzten. Er flüchtete in die Schweiz. Von dort
emigrierte er in die Vereinigten Staaten, wo er begeistert empfangen
wurde. Er trat um die Jahreswende 1948/1849 als Redner in mehreren
Versammlungen deutschstämmiger Auswanderer auf, unter anderem in St.
Louis (Missouri) und Belleville (Illinois). Diese Treffen sollten
den revolutionären Bestrebungen in Deutschland Rückenwind geben. In
den USA unterstützte Hecker später – wie Körner – die Gründung der
Republikanischen Partei und die Präsidentschaftskandidatur von
Abraham Lincoln. Während des amerikanischen Bürgerkriegers
kommandierte Hecker mehrere Freiwilligen-Regimenter. Das nach ihm
benannte Hecker-Regiment zog für die Nordstaaten in große
Schlachten. Hecker wurde verwundet und zog sich Ende 1863 auf seine
Farm im Kreis St. Clair zurück.
In Summerfield verfasste der Farmer Friedrich Hecker nicht nur
politische Bücher, Reden und Zeitungsartikel. Als Weinbauer
entwickelte der badische Revolutionär in der Prärie von Illinois
eine neue Leidenschaft. Der begeisterte Winzer stand in enger
Verbindung mit den Weinbauern unter seinen lateinischen
Nachbar-Farmern von Shiloh Valley. Und er pflegte über Jahre eine
enge briefliche Freundschaft mit dem Weinbauexperten und -forscher
Professor Dr. Adolph Blankenhorn (1843-1906) in Deutschland, dem
späteren Präsidenten des Badischen Weinbauinstituts in Freiburg. Der
Briefwechsel Hecker-Blankenhorn ist in einem Buch dokumentiert.
Kenner der Geschichte des deutschen Weinbaus im 19. Jahrhundert
erinnern daran, dass damals in Westeuropa die Reblaus ganze
Weinbergslagen vernichtete. Friedrich Hecker leistete durch die
Lieferung von Rebsamen und amerikanischer Hybridreben aus dem Kreis
St. Clair, die reblausresistent waren, einen wichtigen Beitrag, um
den Weinbau in seiner deutschen Heimat zu erhalten. Das Badische
Weinbauinstitut in Freiburg hat in Würdigung dieser Verdienste eine
Weinsorte nach ihm benannt. Die länglich-großen, grüngelben Beeren
der Heckerrebe, deren Wuchs der Gutedel-Rebe ähnelt, zeichnen sich
durch ein fein-süßes, leichtes Bukett aus.
Als Hecker am 24. März 1881 auf seiner Farm starb, wurde Summerfield
vier Tage später Schauplatz einer der größten Beerdigungen, die der
Kreis St. Clair je erlebt hat – mit weit über 1.000 Teilnehmern. Die
letzte der zahlreichen Grabreden hielt Gustav Körner aus Belleville.
Er und Friedrich Hecker hätten stets dieselben Ziele verfolgt, oft
allerdings auf verschiedenen Wegen, sagte Ex-Gouverneur Körner. Es
gebe in den USA nur wenige Staatsmänner, die immer so ehrlich ihre
Ansichten verteidigt und dabei ihre Unabhängigkeit bewahrt hätten
wie dieser Friedrich Hecker. Heuchelei und Lüge habe Hecker bitter
bekämpft, stets sei er offen und ehrlich gewesen und seinen Feinden
immer mit offenem Visier gegenüber getreten, sagte Körner.
 |
Vor dem Grabstein Friedrich Heckers auf dem
Friedhof von Summerfield im Kreis St. Clair weht eine
US-Flagge. Die kleine Erinnerungstafel rechts vor dem
Grabstein ist dem Soldaten des amerikanischen
Bürgerkrieges gewidmet.
Foto: Wolfgang Stüken |
Seine Farm vererbte Friedrich Hecker seinem Sohn Arthur. Ein Wunsch,
den er seinem schriftlich verfassten Testament aus dem Jahre 1874
anvertraut hatte, blieb allerdings unerfüllt. Nach seinem Tode, so
hatte er verfügt, solle sein Körper geöffnet und das Herz
herausgenommen werden. Einbalsamiert solle es in einem
Metallbehälter in die deutsche Heimat geschickt und von Freunden und
Verwandten auf der Familiengruft der Heckers in Mannheim bestattet
werden. Möglicherweise hat er diesen Teil seines letzten Willens
kurz vor seinem Tod mündlich widerrufen. Heckers Herz blieb in
seiner zweiten Heimat Illinois.
Ein kleiner Ort in Süden von Illinois, 1849 als „Freedom“ gegründet,
benannte sich 1895 in Erinnerung an den berühmten Einwanderer in
„Hecker“ um. Das Dorf im Monroe County zählt knapp 500 Einwohner und
liegt ganz in der Nähe von St. Libory (St. Clair County) und
Paderborn (Stadtbezirk von Waterloo, Monroe County). In Paderborns
Partnerstadt Belleville erinnert die „Hecker-Street“ an den
badischen Revolutionär und berühmten deutschen Auswanderer.
In einer zum 200. Geburtstag erschienenen neuen Hecker-Biografie
würdigt Kurt Hochstuhl (Freiburg) diesen deutschen Auswanderer als
„Inbegriff der demokratischen Revolution“. Die Gemeinde Angelbachtal
verehrt Hecker als „unangefochtenen Volkshelden der badischen
Demokratiebewegung 1848/49“, der „mit seinen Forderungen nach
demokratischen Bürgerrechten seiner Zeit voraus war“.
An den einstigen „Volkhelden“ erinnert das „Heckerlied“, von dem
zahlreiche Strophen existieren. Es soll auf ein Lied zurückgehen,
das
nach einer Gefangenenbefreiung in der Folgezeit des Frankfurter
Wachensturms die Runde machte und später auf Hecker umgedichtet
wurde. Hier die vermutlich bekannteste Fassung der ersten Strophe
und des Refrains:
„Wenn die Leute fragen,
Lebt der Hecker noch?
Könnt ihr ihnen sagen:
Ja, er lebet noch.
Er hängt an keinem Baume,
Er hängt an keinem Strick.
Er hängt nur an dem Traume
Der deutschen Republik.“
|