Liborius, Saint Louis und der Pfauenstuhl
Von Wolfgang Stüken
(Zum Vergrößern eines Fotos bitte Bild klicken)
Es ist eine alte Paderborner Legende: Als im Jahre
836 die Gebeine des heiligen Liborius aus dem westfranzösischen Le
Mans nach Paderborn überführt werden, fliegt der bischöflichen
Abordnung ein Pfau voran. Als die Delegation mit den Reliquien des
Patrons für die noch junge Diözese nach vier Wochen ihr Ziel, den
kurz zuvor errichteten Paderborner Dom, erreicht, stürzt der stolze
Vogel tot zu Boden. Diese Legende, die im 17. Jahrhundert erstmals
auch als schriftliche Überlieferung auftaucht, lässt den Pfau zu
einem unsterblichen Symbol der Liborius-Verehrung werden.
Den vielen westfälischen Auswanderern, die im 19. Jahrhundert per
Schiff nach Amerika aufbrechen, fliegt kein Pfau voran. Aber diese
Menschen, vor allem, wenn sie aus dem Bistum Paderborn stammen,
nehmen die Liborius-Verehrung und auch die Pfauen-Legende mit über
den Atlantik.
Die Stadt St. Louis am Mississippi im US-Bundesstaat Missouri wird
im 19. Jahrhundert zu einem zentralen Punkt des Auswandererstroms,
der sich Ziele im heutigen Mittleren Westen sucht und auch jener
Pioniere, die es noch weiter nach Westen zieht. Viele Auswanderer
machen diese Stadt selbst, das "Tor zum Westen", zu ihrer neuen
Heimat. St. Louis wächst rasch. Vor allem die Nordstadt entwickelt
sich zu einer bevorzugten Adresse westfälischer Auswanderer. Ein
Viertel dort wird bald „Klein-Paderborn" genannt. Eine Kneipe an der
North Market Street bekommt für Jahrzehnte den Namen "The Paderborn
Saloon".
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Sucht mehrfach auch in Paderborn nach jungen
Seelsorgern für die deutschen Auswanderer in den USA:
Joseph Melcher (1806-1873), Generalvikar von St. Louis.
Der gebürtige Wiener wird 1868 Bischof von Green Bay im
US-Bundesstaat Wisconsin. Repro: Stüken |
Die hier lebenden Katholiken gehören entweder zur
Pfarrei St. Josef, deren Kirche 1846 eingeweiht wird, oder zur zwei
Jahre später gegründeten (und von St. Joseph abgezweigten)
Dreifaltigkeits-Gemeinde. St. Louis wächst in rasantem Tempo weiter.
Im Bezirk von "Klein Paderborn", der zwischen den Kirchen St. Joseph
und Dreifaltigkeit liegt, leben bald so viele katholische
Einwanderer, dass der Ruf nach einer eigenen Kirche laut wird.
Der Generalvikar von St. Louis, Joseph Melcher, reist 1855 in die
Heimat vieler Auswanderer nach Deutschland, um dort junge Theologen
als künftige Seelsorger für die USA anzuwerben. Er hat Erfolg.
Sieben sagen zu. Einer von ihnen ist bereits Priester: Der aus dem
heutigen Delbrücker Stadtteil Westenholz stammende Stephan
Schweihoff (1820-1869, Priesterweihe 1847, vor der Auswanderung
Kaplan im Wallfahrtsort Verne bei Salzkotten).
Als Schweihoff am 5. Oktober 1855 in New York amerikanischen Boden
betritt, weiß er noch nicht, welche Aufgabe sein neuer Dienstherr,
Erzbischof Peter Richard Kenrick von St. Louis, ihm übertragen wird.
Kenrick wird in diesen Wochen in dringenden Petitionen aus
„Klein-Paderborn" ersucht, der Gründung einer neuen Pfarrei
zuzustimmen. Ein auch den Bischof überzeugendes Papier aus diesem
Viertel der Nordstadt wird Ende Oktober nachgereicht. Liborius
Müsenfechter ist der Name des Auswanderers, der am 30. Oktober 1855
per Schenkungsurkunde ein Grundstück zwischen der 18. Straße und der
Hogan-Straße für den Bau einer Kirche zur Verfügung stellt.
Erzbischof Kenrick willigt ein. Zum ersten Pfarrer der aus 40
Familien bestehenden neuen Gemeinde ernennt er den Neuankömmling
Stephan Schweihoff.
Und wie soll die neue Gemeinde heißen? Ist es Schweihoff, der den
Patron seines Heimatbistums vorschlägt, oder kommt der Wunsch nach
einer Liborius-Kirche von den Bewohnern Klein-Paderborns? Oder ist
der Vorschlag St. Liborius in erster Linie ein Dankeschön an den
Spender des Kirchengrundstücks, Liborius Müsenfechter, zumal er auch
sein Haus für die ersten Versammlungen zur Gemeindegründung zur
Verfügung stellt? St. Liborius scheint als Ergebnis der Namenssuche
für die neue Gemeinde der ganz große gemeinsame Nenner zu sein.
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Die erste Liborikirche in „Klein Paderborn" im
Norden von St. Louis: Sie wird 1856 erbaut, 1857
eingeweiht und ist schon 1887 viel zu klein. Repro:
Stüken |
Im Frühjahr 1856 beginnt der Kirchbau. Im Januar
1857 kann der erste Gottesdienst in der neuen, aus Bruch- und
Backsteinen im romanischen Stil erbauten Kirche gefeiert werden. Um
den Kirchbau möglich zu machen, haben manche Gemeindemitglieder,
darunter Tagelöhner aus Sägemühlen und Ziegelbrennereien,
buchstäblich den letzten Cent gegeben, den sie erübrigen konnten.
Die meisten Gemeindemitglieder sind arme Leute. Geradezu spartanisch
einfach ist das kombinierte Wohn-, Schlaf und Studierzimmer von
Liborius-Pfarrer Stephan Schweihoff im Obergeschoss des
Sakristei-Anbaus.
Das Läuten „der Glocke von Paderborn" im weithin sichtbaren Turm von
St. Liborius ist hinüber bis auf die andere Seite des Mississippi zu
hören.
Schweihoffs Wunsch, eine Pfarrschule zu eröffnen, geht zunächst
nicht in Erfüllung. 13 Eltern, die ihre Kinder anmelden, sind zu
wenig, um einen Lehrer bezahlen zu können. Wenige Monate später, im
Herbst 1857, gelingt ein neuer Anlauf. Die St. Liborius-Schule nimmt
mit Lehrer Theodor Lemkes (der später nach St. Libory, Illinois,
wechselt) und 16 Schülern in einem angemieteten Haus nahe der Kirche
ihren Betrieb auf. 1859 wird das erste eigene Schulhaus gebaut.
Auch die Ausgestaltung des Innenraumes der Liborius-Kirche macht
Fortschritte. Seitenaltäre werden gebaut, und ein Gemeindemitglied
stiftet ein Marienbild, das aus Deutschland importiert wird. Noch
größer ist ein halbes Jahr später die Freude über ein anderes
Geschenk aus der alten Heimat. Zur feierlichen Einweihung der
Liborius-Kirche am 17. Juli 1860 durch Erzbischof Kenrick kommt auch
der Bischof aus dem Nachbarbistum Alton auf der Illinois-Seite des
Mississippi, Damian Juncker (vom Bistum Alton wird später, 1887, das
neue Bistum Belleville abgetrennt). Juncker hat im Jahr zuvor, 1859,
bei einer Europareise den Paderborner Bischof Konrad Martin besucht.
Und Martin hat dem befreundeten Bischof aus Amerika mehrere
Reliquienpartikel des heiligen Liborius mitgegeben. Eine davon
überreicht Juncker zur Einweihung der Liborius-Kirche von St. Louis.
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Zweiter Pfarrer von St. Liborius: Engelbert Höynck
(1836-1901) aus Balve im Sauerland ist in St. Louis als
kraftvoller Prediger und Mann von unerschütterlichem
Charakter bekannt. Doch dann wird er krank. Repro:
Stüken |
1863 nimmt die Liborius-Gemeinde einen Schul-Neubau
mit Wohnung für die inzwischen hier tätigen
Notre-Dame-Schulschwestern in Angriff. 1865 folgt der Bau eines
Pfarrhauses. Pfarrer Schweihoff steht inzwischen in der Seelsorge
ein Assistent zur Seite. Von der Cholera, die 1866 in St. Louis
wütet, bleibt die Liborius-Gemeinde fast gänzlich verschont.
Schweihoffs Assistent erhält 1868 eine eigene Pfarrei. Dessen
Nachfolger als Assistent bleibt nur kurz. 1869 folgt diesem mit
Engelbert Höynck als Assistent Nummer drei ein Seelsorger, der wie
Schweihoff aus dem Bistum Paderborn stammt.
Höynck (1836-1901), als Küstersohn im sauerländischen Balve geboren,
ist als Student 1867 in die USA ausgewandert. Während sein jüngerer
Bruder Franz Anton bereits 1866 im Paderborner Dom zum Priester
geweiht wird, entscheidet sich Engelbert Höynck, der in Deutschland
unter anderem Philosophie und Kulturgeschichte studiert hatte, erst
in den USA zum Studium der Theologie. Die Priesterweihe empfängt er
im Januar 1869 in St. Francis, Wisconsin.
Die Seelsorgearbeit in St. Liborius, St. Louis, ruht bald ganz auf
den Schultern dieses Neupriesters, denn Pfarrer Stephan Schweihoff
ist schwer krank. Schweihoff sucht Genesung und Erholung in Quincy,
Illinois – und stirbt dort am 31. Mai 1869. Engelbert Höynck, erst
seit vier Monaten Priester, wird neuer Pfarrer von St. Liborius. Die
Gemeinde bleibt damit unter Leitung eines Geistlichen, der seine
Wurzeln im Bistum Paderborn hat.
Die St. Liborius-Gemeinde wächst im folgenden Jahrzehnt weiter. 1879
nähert sich die Zahl der Gemeindemitglieder der Marke 2.500. Kirche
und Schulhaus sind bald zu klein. Was bedeutet: Auch der zweite
Pfarrer der Gemeinde, Engelbert Höynck, ist als Bauherr gefordert.
1885 erwirbt er ein neues Schulgrundstück. Während das neue
Schulgebäude Gestalt annimmt, werden Überlegungen, die Kirche zu
erweitern, als unzweckmäßig verworfen. Der Bau einer neuen,
erheblich größeren Kirche wird in Angriff genommen. Am 16. Juni 1887
wird in der ersten Liborius-Kirche die letzte Messe gelesen. Dann
wird sie abgebrochen.
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1888 gesetzt: Der Grundstein für die zweite
Liborius-Kirche trägt den Namen des damaligen
Generalvikars der Erzdiözese St. Louis, Heinrich
Muehlsiepen. Der Stein links daneben erinnert an die
erste Liborius-Kirche. Foto: Stüken |
Am 8. September wird auf dem Gelände des alten
Gotteshauses der erste Stein zum Bau der neuen Liborius-Kirche
gesetzt. Die untere Etage des neuen Schulhauses dient der Gemeinde
während der Bauphase zwei Jahre lang als Kirchraum. Die offizielle
Grundsteinlegung für die große neue, dreischiffige, neugotische
Liborius-Kirche erfolgt im Juni 1888. 10.000 Menschen kommen zu der
Feier. Generalvikar von St. Louis, der den Eckstein setzt, ist
inzwischen Heinrich Muehlsiepen. Auch ihm ist nicht nur
"Klein-Paderborn" in St. Louis, das gar nicht mehr klein ist und von
vielen Menschen einfach nur "Paderborn" genannt wird, ein Begriff,
sondern auch die gleichnamige Bischofsstadt in Westfalen. Er hat es
in seinem Leben schon einmal ganz eilig dorthin gehabt. Muehlsiepen,
Jahrgang 1834, stammt aus dem Erzbistum Köln. Als Student hörte er
in Essen davon, dass der Generalvikar von St. Louis gerade durch
Deutschland tourte, um Verstärkung für den Klerus der
Missouri-Diözese anzuwerben. Muehlsiepen brach sofort auf nach
Paderborn, um hier noch in die bereits zusammengestellte Reisegruppe
aufgenommen zu werden. Es war die Gruppe von 1855, zu der auch der
Westenholzer Stephan Schweihoff gehörte.
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1889 eingeweiht: Die zweite, erheblich größere Libori-Kirche von St. Louis. Die Turm bleibt bis 1907
ohne Spitze. Repro: Stüken |
Am 24. November 1889 wird in St. Louis die neue
Liborius-Kirche eingeweiht. Ihr Rohbau hat 95.000 Dollar gekostet.
Die hochwertige Innen-Ausstattung in Eichenholz und die bemalten
Glasfenster lässt sich die Gemeinde des kunstsinnigen Pfarrers
Höynck weitere 55.000 Dollar kosten. (Der 25.000 Dollar teure Turm
wird erst zum 50-jährigen Gemeindejubiläum 1907 fertig gestellt.)
Der erste Bischof der noch jungen Nachbar-Diözese Belleville, der
Rheinländer Johannes Janssen, vollzieht die Kirchweihe. Unter den
mehr als 35 teilnehmenden Priestern ist Anton Brefeld aus St.
Libory, Illinois, der aus Epe im Kreis Ahaus stammt. Zum Abschluss
der Kirchweihe erklingt die Liborius-Hymne.
1890 folgt der Bau des neuen Pfarrhauses. Das silberne
Priesterjubiläum von Pfarrer Engelbert Höynck Anfang 1894 wird als
dreitägiges Fest begangen. Höynck ist zu diesem Zeitpunkt bereits
schwer krank. Im Mai 1894 reist er nach Europa, um dort Heilung zu
suchen. Doch sein Gesundheitszustand bessert sich kaum. Ein Jahr
später, Ende Juni 1895, dankt Höynck als Pfarrer von St. Liborius,
St. Louis, ab, um in die sauerländische Heimat zurückkehren. Er lebt
zurückgezogen in Balve und stirbt dort am 4. November 1901.
Seine ehemalige Pfarrfamilie in St. Louis hat ihn nicht vergessen:
Bei einem feierlichen Seelenamt am 15. November 1901 ist die von
Höynck erbaute Liborius-Kirche mit Trauerflor behangen. Dem Prediger
dieses Tages ist sowohl der heilige Liborius als auch Höyncks
deutsche Heimat vertraut: Heinrich Brockhagen aus dem Balver
Nachbarort Garbeck ist Rektor der Maria-Himmelfahrts-Gemeinde in
O’Fallon im Kreis St. Charles, Missouri. Brockhagen, Jahrgang 1833,
ist 1857 in die USA ausgewandert und seit 1859 Priester.
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Dieses Denkmal widmet die Liborius-Gemeinde St.
Louis 1902 ihrem ein Jahr zuvor in Balve gestorbenen
ehemaligen Seelsorger.
Repro: Stüken |
Nachfolger von Pfarrer Höynck als Pfarrer von St.
Liborius ist dessen letzter Assistent Georg A. Reis und damit
erstmals ein Priester, der aus St. Louis stammt. Im Auftrag seiner
Gemeinde reist der neue Pfarrer im September 1902 nach Deutschland,
um Engelbert Höynck in Balve ein Grabdenkmal zu setzen – eine Statue
des auferstandenen Christus auf einem Marmorblock. Am Fuß des
Denkmals ist eine Widmung eingemeißelt: "Zum frommen Andenken an den
hochwürdigen Pfarrer Engelbert Höynck, gewidmet von seinen
ehemaligen Pfarrkindern der St. Liborius Gemeinde zu St. Louis."
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„Überlebte" die Einebnung der Balver Priestergräber
in den 1970er Jahren: Der Marmorblock des Denkmals für
Pfarrer Hönyck steht heute am Turm der Balver
Pfarrkirche. Foto: Stüken |
Gut 60 Jahre später lässt in Balve ein Pfarrer die
alten Priestergräber auf dem dortigen Friedhof einebnen - auch das
Grab Engelbert Höyncks. Die Christus-Statue ist seitdem verschollen.
Der Marmorblock mit dem Namen Höyncks und der Widmung aus St. Louis
landet in einem Balver Vorgarten. Viele Jahre später bemüht sich der
dann amtierende Balver Pfarrer Dr. Reinhard Richter um die Rückgabe
und hat 2005 Erfolg. Seitdem hat der Gedenkstein seinen Platz
unmittelbar am Turm der Balver Kirche, die auch "Sauerland-Dom"
genannt wird. In Balve gibt es auch eine klingende Erinnerung an St.
Louis. Zwei Balver Amerikaauswanderer schenkten der St.
Blasius-Kirche ihrer Heimatstadt 1926 eine kleine Dachreiterglocke.
Sie trägt die Inschrift "Zur Ehre Gottes der Heimat geschenkt von
Franz und Heinrich Allhoff St. Louis, Mo. U.S.A. geboren in Balve
1873 – 1883" und läutet als sogenannte "Kleppglocke", sobald die
großen Glocken verstummen, bis zum Beginn eines Gottesdienstes.
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1904/1905 direkt neben der Kirche errichtet: Das
Haus für die Notre-Dame-Schulschwestern der
Liborius-Gemeinde. Foto: Stüken |
Zurück in die USA. Das 20. Jahrhundert ist wenige
Jahre alt, da wird in St. Liborius wieder gebaut. Für die
Schulschwestern entsteht 1904/05 ein neues Schwesternhaus neben der
Kirche.
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Über Jahrzehnte ein Wahrzeichen im Nordteil der
Stadt am Mississippi: Der 1907 vollendete Turm der
Liborius-Kirche, "Lace Tower" genannt, hatte mit dem
vergoldeten Kreuz auf der Spitze eine Höhe von mehr als
80 Metern.
Repro: Stüken |
Der noch unvollendete Turm von St. Liborius erhält
1907 eine schlanke, hohe Spitze aus filigranem Sandstein-Mauerwerk.
Ein vergoldetes Kreuz krönt den Turm. Mit der Gesamthöhe von über 80
Metern zählt dieser "Lace Tower" genannte Turm "zu den höchsten und
schönsten" Kirchtürmen des Westens, wie die "Chronik einer deutschen
Gemeinde" anlässlich des 50-jährigen Kirchweihfestes der ersten
Liborius-Kirche stolz vermerkt. Einer der fünf Altäre der nun, mit
der Fertigstellung des Turmes vollendeten zweiten Liborius-Kirche
ist diesem Heiligen geweiht.
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Neuanschaffung im Jubiläumsjahr 1907: Einer der
beiden Chorstühle mit dem Libori-Pfau auf der
Mittellehne im Chorraum der Kirche. Das Foto entstand
1907. Repro: Stüken |
Das Jubiläumsjahr 1907 führt auch zu Veränderungen
innerhalb der St. Liborius-Kirche. „Zwei werthvolle Chorstühle, in
kunstvoller Weise geschnitzt, stehen jetzt im Sanktuarium, neue
Fenster ersetzen die alten. . .", ist in der Chronik festgehalten.
Drei der vier Fenster über dem Hauptaltar zeigen Szenen aus dem
Leben des heiligen Liborius, das vierte den Apostel der Deutschen,
Bonifatius.
Einer der beiden 1907 installierten, hohen kirchlichen Gästen von St.
Liborius vorbehaltenen Chorstühle, ein Doppelsitzer mit dem
geschnitzten Pfau der Libori-Legende auf der Mittellehne, steht
heute in Paderborn – als Erinnerung an die westfälischen
Auswanderer, die die Liborius-Verehrung in die USA brachten.
Der Hinweis in der Chronik von 1907 belegt, dass dieser Chorstuhl
nicht zur Erstausstattung der 1889 eingeweihten zweiten
Liborius-Kirche gehörte und damit nicht von Pfarrer Engelbert Höynck,
sondern erst unter seinem Nachfolger in Auftrag gegeben wurde. Und
die Chronik belegt, dass es zwei solcher Chorstühle in St. Liborius
gegeben hat. Auch das war bislang nicht eindeutig geklärt. Ob und wo
der zweite Stuhl noch existiert und ob auch auf dessen Lehne ein
hölzerner Libori-Pfau thront, ist nicht bekannt.
Dass ein Pfauenstuhl oder Peacock-Chair aus St. Louis 1994 ins
ostwestfälische Paderborn kommt, hat allerdings eine eher traurige
Vorgeschichte. Sie hat mit dem Niedergang der einst blühenden
Liborius-Gemeinde zu tun.
Zwar wagt sich die St. Liborius-Pfarrei 1930/31 noch einmal an einen
zeitgemäßen Neubau ihrer Schule heran. Doch schon 1917 – es ist das
Jahr, in dem die Gemeinde den letzten Cent ihrer Kirchbauschulden
begleicht – sind erste Abwanderungen von „Liborianern"
festzustellen. Immer neue, moderne Wohngebiete entstehen im Westen
der Großstadt St. Louis. Und immer mehr Menschen zieht es dorthin.
Der zunehmende Straßenbau schneidet sich mit breiten Highways
unerbittlich Wege auch durch das Gebiet der Liborius-Gemeinde. Viele
Häuser müssen dafür abgerissen werden. In das das früher ruhige
"Klein Paderborn" dringen große Transportunternehmen vor, die viel
Platz für ihre Fahrzeugparks und Lager benötigen.
1931 begeht die Liborius-Gemeinde das 75-jährige Jubiläum ihrer
Gründung. In Gegenwart des Erzbischofs von St. Louis, John J.
Glennon, zelebriert der Bischof von Belleville, Henry Althoff, den
Festgottesdienst. 1942 wird die Liborius-Kirche renoviert und am 31.
Mai 1943 wieder feierlich eingeweiht. Doch an eine neue Blütezeit
der Gemeinde ist nicht zu denken. Zählt St. Liborius 1946 noch 4.263
Katholiken, sinkt diese Zahl in den nächsten zehn Jahren rapide auf
1.192 ab. Nach einem weiteren Jahrzehnt, 1966, leben nur noch 501
Katholiken in St. Liborius, St. Louis. Die Lage sei in jeder
Großstadt der USA dieselbe, konstatiert 1956 die Festschrift zum
hundertjährigen Gemeindebestehen von St. Liborius resignierend; die
großen Innenstadtpfarreien seien nur noch Erinnerungen an eine Zeit
großen Glaubens und der Opfer der Vergangenheit. Die aus Paderborn
stammenden Liborius-Reliquien, so ist aus den 50er Jahren des
vorigen Jahrhunderts überliefert. werden im Tresor der Pfarrei
aufbewahrt und am Liboriustag, der am ersten Oktober-Sonntag
begangen wird, zur Verehrung ausgesetzt.
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Schon 1965 wurde die filigrane Turmspitze aus
Sandstein abgetragen. Die Ende 1991 geschlossene
Liborius-Kirche im Jahr 2007.
Foto: Stüken |
Dass die Tage dieser Gemeinde gezählt sind, wird
auch an ihrem Hauptbauwerk, der Kirche, deutlich: An der Spitze des
Turmes, der über Jahre ein Wahrzeichen der Nordstadt von St. Louis
war, lösen sich Sandsteinbrocken. Für eine Sanierung hat die immer
mehr Mitglieder verlierende Pfarrei nicht mehr das nötige Geld. Die
fast 23 Meter hohe Sandstein-Turmspitze mit dem darauf montierten
fünf Meter hohen Kreuz wird 1965 abgetragen. Der Backstein-Turm von
St. Liborius ragt von nun an als Ruine in den Himmel.
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Spuren des Verfalls und der Zerstörung: Die Spitze
der Turmruine von St. Liborius im Jahr 2007. Foto:
Stüken |
Die Gemeinde, in der auch zwei „St. Louiser"
Bürgermeister der Jahre 1973 bis 1981 – John Poelker, Jahrgang 1913,
und Jim Conway, Jahrgang 1933 – ihre Kindheit verlebt haben,
schrumpft unaufhörlich weiter. 1969 schlägt die letzte Stunde der
St. Liborius-Schule. Die ziemlich verlassene Gegend droht in ein
Slumviertel umzukippen. Als der Erzbischof von St. Louis, John L.
May, 1981 in St. Liborius, einer der größten Kirchen seiner
Erzdiözese, den Festgottesdienst zum 125-jährigen Bestehen der von
deutschen Einwanderern gegründeten Gemeinde zelebriert, zählt diese
nicht einmal mehr 150 Mitglieder. 1991 sind es noch 50. Das sind zu
wenig, um die Pfarrei mit ihrem schönen, aber in der baulichen
Unterhaltung teuren Gebäudeensemble am Leben zu erhalten.
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Der letzter Pfarrer von St. Liborius: Monsignore
John A. Shocklee amtiert von 1987 bis 1991. Er stirbt am
6. Februar 2003 im Alter von 85 Jahren. Foto: St. Louis
Review |
Die Erzdiözese schließt die zwölftälteste Pfarrei
von St. Louis Ende Oktober 1991. Zu dem Zeitpunkt tritt der letzte
Pfarrer der Gemeinde, Monsignore John A. Shocklee, in den Ruhestand.
St. Liborius wird mit der Pfarrei Most Holy Trinity fusioniert – in
diese Gemeindeehe geht die noch verbliebene spärliche Zahl von
25 Katholiken aus St. Liborius. Die hölzerne Statue des
Kirchenpatrons St. Liborius, den die Gemeinde in besseren Zeiten im
deutschen Rottenburg schnitzen ließ, wird in die
Dreifaltigkeitskirche an der 14. Straße gebracht.
Mit anderen Teilen des Kircheninventars von St. Liborius werden 1992
völlig andere Wege beschritten. 33 Stücke landen in Selkirk’s
Auktionshaus an der Olive Street, darunter die beiden eichenen
Chorstühle von 1907 und zwei Weihwasserbecken aus Carrara-Marmor.
Als die im Denkmalschutz engagierte St. Louis Landmarks Association
Inc. im Mai 1992 von den Versteigerungsplänen erfährt und öffentlich
Protest gegen solchen Umgang mit "der schönsten neugotischen Kirche
der Region" erhebt, ist es bereits zu spät. Die Auktion ist längst
fest terminiert. "Wir sind eine arme Pfarrei und brauchen das Geld",
rechtfertigt John Reiker, Pfarrer von Holy Trinity, das Vorgehen. Im
übrigen werde nur ein ganz geringer Teil der Ausstattung der
Liborius-Kirche versteigert. Der Erlös soll bedürftigen
Gemeindemitgliedern zugute kommen – unter anderem durch die
Einrichtung einer Lebensmittel-Ausgabe.
Den Zuschlag bei Selkirk’s für den Chorstuhl mit dem Pfau und einen
Beichtstuhl erhält ein Kneipenwirt aus O’Fallon im Kreis St. Clair,
Illinois, ganz in der Nähe von Belleville, das seit 1990 Paderborner
Partnerstadt ist. Das Kirchenmobilar landet im Schankraum seiner
Mini-Brauerei.
Bei einem Belleville-Besuch im Jahr darauf kehren die
Gründungspräsidentin des Deutsch-Amerikanischen Freundeskreises
Paderborn-Belleville, Ellen Rost (1914-2000), und Belleviller
Freunde in dieses Brauhaus ein. Rost befindet, dass der
Peacock-Chair, Zeichen der Libori-Verehrung durch deutsche
Amerika-Auswanderer, einen besseren, würdigeren Platz verdient habe.
Sie beauftragt die Belleviller Freunde, mit dem Brauhaus-Wirt über
einen Verkauf des Stuhles zu verhandeln. Gesagt, getan. Es sind
schwierige Gespräche. Obendrein ist zwischendurch auf einmal der
hölzerne Pfau verschwunden.
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Vor der großen Reparatur in Paderborn: Restauratur
Robert Ochsenfarth zeigt im März 1995 den beschädigten
hölzernen Pfau.
Foto: Reinhard Rohlf / Archiv Neue Westfälische |
Aber die Belleviller Freunde haben schließlich
Erfolg, machen im Auftrag von Ellen Rost den Kauf perfekt. Der
Preis: 1.000 Dollar. Anfangs hat der Wirt hat das Vierfache
verlangt. Gut verpackt – inzwischen hat sich, mit gebrochenen Füßen,
auch der hölzerne Pfau wieder eingefunden – tritt der Pfauenstuhl im
September 1994 eine längere Schiffsreise an. Zielhafen: Rotterdam.
Von dort geht es auf der Ladefläche eines Transporters nach Paderborn.
Die Zeitung St. Louis Post Dispatch überschreibt ihren Bericht über
die ungewöhnliche Aktion: "To Germany with Love."
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Ein paar Wochen nach der Ankunft in Paderborn: Ellen
Rost, Gründungspräsidentin des Deutsch-Amerikanischen
Freundeskreises, und ihr Nachfolger Bernd Broer nehmen
auf dem noch nicht restaurierten Pfauenstuhl Platz
(1995). Foto: Reinhard Rohlf / Archiv Neue Westfälische |
Ellen Rost lässt den Stuhl mit seinem reichen
Ornament-Schmuck 1995 auf ihre Kosten durch die damalige Paderborner
Firma Ochsenfarth Restaurierungen gründlich aufarbeiten. Der
hölzerne Pfau erhält neue Füße und kann danach wieder seinen
Stammplatz auf der Mittellehne einnehmen.
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Schenkungsurkunde: Ellen Rost übergibt den
restaurierten Pfauenstuhl dem Deutsch-Amerikanischen
Freundeskreis. Präsident Bernd Broer (links) und der
damalige Bürgermeister Wilhelm Lüke (rechts) schauen bei
der Unterzeichnung am 12. Juli 1995 zu. Foto: Carmens
Behrens / Archiv Neue Westfälische |
Per Schenkungsurkunde übergibt Ellen Rost den
restaurierten Pfauenstuhl dem Deutsch-Amerikanischen Freundeskreis.
Der stellt ihn am 12.Juli 1995, kurz vor dem jährlichen Liborifest,
der Stadt Paderborn als Dauerleihgabe zur Verfügung. Der Stuhl
bekommt einen Platz im Rathausfoyer. Der damalige Bürgermeister
Wilhelm Lüke: "Der Pfauenstuhl macht sich gut im Rathaus.
Hoffentlich gehen die Paderborner pfleglich damit um." Sie gehen
pfleglich damit um. So manches frisch vermählte Paar, das nach dem
"Jawort" aus dem Trauzimmer gegenüber kommt, nimmt für ein
Hochzeitsfoto in dem Doppelsitzer aus St. Louis Platz. Elf Jahre
lang erweist sich der Stuhl als echte Bereicherung des
Rathausfoyers.
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Der Pfauenstuhl im Foyer
des Paderborner Rathauses.
Foto: Stüken |
Dann kommt das Jahr 2006. Die seit langem
diskutierte Sanierung des Rathaus-Inneren beginnt. Der Pfauenstuhl
wird ausquartiert. Für die Dauer der Bauarbeiten – denkt der
Deutsch-Amerikanische Freundeskreis. Doch als der Umbau des ersten
Hauses der Stadt im Sommer 2007 beendet ist, erfährt
Freundeskreis-Präsident Bernd Broer auf Nachfrage vom städtischen
Amt für Gebäudemanagement, dass "eine Rückführung ins Rathaus nicht
vorgesehen ist". Eine "verbindliche Erklärung", die am 26. Mai 1995
vom damaligen Bürgermeister Wilhelm Lüke, Stadtdirektor Dr. Werner
Schmeken und dem städtischen Kulturdezernenten Dr. Johannes Slawig
unterzeichnet wurde, ist den städtischen Gebäudemanagern, die Regie
bei der Modernisierung Rathauses führten, angeblich nicht bekannt.
In jener Erklärung sichern die Vertreter der Stadt zu, dass der
Pfauenstuhl „als Leihgabe auf Dauer im Foyer des Rathauses
aufgestellt wird" und dass die Stadt für das "historische Kunstwerk"
eine Versicherung abschließt.
In der Erklärung heißt es weiter: „Sollte aus wichtigen Gründen eine
Aufstellung im Foyer des Rathauses irgendwann nicht mehr möglich
sein, so wird die Stadt Paderborn in Abstimmung mit dem
Deutsch-Amerikanischen Freundeskreis einen repräsentativen
Ersatzstandort für den Pfauenstuhl festlegen." Aber weder kam ein
geeigneter Ersatzstandort in Sicht - noch suchte die Stadt zwecks
Abstimmung das Gespräch mit dem Freundeskreis.
Für den aus dem Rathaus ausquartierten Pfauenstuhl wird ein
Turmzimmer des Neuhäuser Schlosses für viele Monate zur
Abstellkammer. Für ein wenig Abwechslung sorgen allein die
Westfälischen Kammerspiele. Sie entdecken bei der Vorbereitung ihrer
Freifluft-Inszenierung 2007 – im Innenhof des Schlosses hatte am 7.
Juni „Die falsche Zofe" von Pierre Carlet de Marivaux Premiere – den
Pfauenstuhl als Kulisse für ein Szenenfoto des Programmheftes.
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Kulisse: Die Schauspieler Kerstin Westphal und
Johann Schiefer posieren vor dem ins Neuhäuser Schloss
ausquartierten Pfauenstuhl für ein Szenenfoto des Stücks
"Die falsche Zofe".
Foto: Harald Morsch / Westfälische Kämmerspiele |
Der Deutsch-Amerikanische Freundeskreis pocht auf die Vertragstreue
der Stadt. "Wir werden darum kämpfen, dass der Pfauenstuhl ins
Rathaus zurück kommt." So lautet der einstimmige Beschluss, mit dem
die Jahresversammlung des 375 Mitglieder zählenden Freundeskreises
am 27. September 2007 ein kurz zuvor – und ebenso einstimmig –
gefasstes Vorstandsvotum bekräftigt.
Die Stadt verfüge insbesondere durch die Zerstörung im Zweiten
Weltkrieg nicht über sehr viele historische Erinnerungsstücke.
Kunstwerke wie der Pfauenstuhl sollten daher besonders beachtet und
geschätzt werden, meint Freundeskreis-Präsident Bernd Broer. Der
Standort des Stuhles im Rathausfoyer habe "immer allgemeine
Anerkennung" gefunden, schrieb er an das Amt für Gebäudemanagement.
Und bekundete sein "nachhaltiges Erstaunen", dass der Freundeskreis
„nicht gefragt, ja nicht einmal informiert" worden sei.
Weitere Schreiben, in denen der Freundeskreis-Präsident der
Forderung des Freundeskreises Nachdruck verleiht, folgen. Im
Dezember 2007 erörtern die Hausherren des Rathauses, Bürgermeister
Heinz Paus und seine Stellvertreter Joseph Vögele, Josef Hackfort
und Dietrich Honervogt den Fall und beschließen die Rückkehr des
schönen Doppelsitzers. Kurz nach Neujahr ist es soweit. Rechtzeitig
zur ersten Ratssitzung des Jahres 2008 am 8. Januar steht der
schmucke Pfauenstuhl wieder im Foyer. Und der stolze Pfauenvogel auf
seiner Mittellehne, frühchchristliches Symbol des Himmels, der
Seligkeit und den Glücks, grüßt wieder die Paderborner Brautpaare,
die aus dem Trauzimmer gegenüber kommen.
Noch einmal zurück in die Stadt am Mississippi. In der Erzdiözese
St. Louis rief die 1993 geäußerte öffentliche Kritik an der
Versteigerung von Kircheninventar aus St. Liborius unter anderem
Matthew Mitas, einen Priester der Erzdiözese, auf den Plan. Er
suchte schon seit längerem nach einer Lösung, Kunstschätze aus
geschlossenen Kirchen zentral zu sammeln und zu erfassen, aber auch
sakrales Gerät, das einmal für liturgische Zwecke geweiht und
verwendet wurde. Die Erzdiözese St. Louis hat allein zwischen 1990
und 2000 mehr als 20 Kirchen geschlossen, und die Versteigerung von
1993 war keineswegs die erste Auktion, bei der Kircheninventar
„unter den Hammer" kam.
Die Bistumsleitung erlaubte Pfarrer Mitas, für seine Initiative
eines der größten leer stehenden Gotteshäuser zu nutzen – die einst
als "Kathedrale des Nordens" von St. Louis bekannte St.
Liborius-Kirche. Mitas trug dort in den folgenden Jahren mit
freiwilligen Helfern zahlreiche Hinterlassenschaften aus still
gelegten Gotteshäusern zusammen. In diesem sakralen
Second-Hand-"Laden" St. Liborius konnten sich andere Pfarreien, die
Bedarf etwa an einer Heiligenstatue oder an einem Heiligenbild
hatten, bedienen. Zwei marmorne Seitenaltäre von St. Liborius wurden
auf diese Weise zum neuen Hauptaltar von St. Genevieve in dem Ort
gleichen Namens. Eine Vollmacht, die ihm in den vor ihrer Schließung
stehenden Gemeinden Autorität für diese Arbeit verschafft und sein
Engagement erleichtert hätte, erteilte die Erzdiözese Mitas indes
nicht. Ein paar Jahre später bildete die Bistumsleitung ein
offizielles „Office of Reclamations", das nun für diese Aufgabe
zuständig ist. Seitdem wird auch Ordensgemeinschaften, Schulen und
anderen Einrichtungen der Erzdiözese ermöglicht, im großen
religiösen Fundus, der mittlerweile von St. Liborius in das Johannes
XXIII.-Center in South County umgezogen ist, Ausschau nach wieder
verwendbaren Kunstwerken und religiösen Gegenständen – auch Glocken
gehören zum Angebot – zu halten. Initiator Pfarrer Mitas wurde 2001
von seiner bis dahin ehrenamtlich geleisteten Aufgabe entbunden.
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Lebensmittel für Bedürftige: Die Ausgabestelle im
Kellergeschoss der St. Liborius-Kirche ist einmal pro
Woche geöffnet. Foto: Stüken |
Völlig ausgestorben ist die ehemalige Pfarrkirche St. Liborius
seitdem jedoch nicht. Das frühere Schwesternhaus der Pfarrei, so
zeigt sich bei einem Besuch im Herbst 2007, wird für Angebote der
Kinderbetreuung genutzt, das Pfarrhaus bietet einer betreuten
Wohngemeinschaft ehemaliger Drogenabhängiger Platz. Und die aus dem
Verkaufserlös der Mai-Auktion 1993 eingerichtete
Lebensmittel-Ausgabe für Bedürftige öffnet einmal pro Woche im
Kellergeschoss der verriegelten Kirche, an der allerdings Spuren von
Vandalismus mittlerweile unübersehbar sind. In dem Namen jener
kirchlichen Organisation, die zur Gemeinde Holy Trinity gehört und
diese Lebensmittel-Ausgabe („Food-Pantry") sowie an anderer Stelle
in St. Louis mit Ehrenamtlichen weitere soziale Dienste anbietet,
lebt der Kirchenpatron aus Paderborn weiter: Sie heißt "St. Liborius
Social Ministries".
(Stand: 19.1.2008)
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Diese mit Jugendstil-Elementen verzierte Postkarte,
gedruckt in Chicago, stammt aus der Zeit um 1910. Sie
zeigt die St. Liborius-Kirche mit dem 1907 vollendeten
Turm, das Pfarrhaus von 1890 (oben links) und das 1886
eröffnete Schulgebäude (oben rechts). Die filigrane
Turmspitze, aus einem Oktogon acht aufsteigender
schlanker Rippen gebildet, zwischen die das Maßwerk
gespannt wurde, ähnelte dem Turmhelm des weltberühmten
Freiburger Münsters in Deutschland. Den 116 Meter hohen
Freiburger Turm nannte der Kunsthistoriker Jakob
Burckhardt (1818-1897) einmal “den schönsten Turm auf
Erden”.
Vielleicht wurde er deshalb zu einem Vorbild für St.
Liborius, St. Louis.
Repro: Stüken |
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