Pastor mit Zweitberuf
Zu Besuch im kleinen Paderborn
im Süden des US-Bundesstaates Illinois
Von Wolfgang Stüken (14.10.2007)
(Zum Vergrößern eines Fotos bitte
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Paderborn. Die kleinen Alleskönner machen Fotos,
verwalten Termine, senden und empfangen elektronische Briefe. Wegen
der schrillen Klingeltöne, die sie in allen nur denkbaren Tonarten
hervorbringen können, sind Mobiltelefone in den Ohren mancher
Menschen allerdings echte Plagegeister. Doch der Tonspeicher eines
modernen Handys kann sich auch als sehr nützlich erweisen. Zum
Beispiel, um den Libori-Tusch mit auf eine große Reise zu nehmen.
Paderborns Landrat Manfred Müller (46), der ein paar
Urlaubstage nutzt, um eine Delegation des Deutsch-Amerikanischen
Freundeskreises Paderborn in die USA zu begleiten, ist in St.Michael,
der kleinen Kirche des kleinen Ortes Paderborn nahe der Paderborner
Partnerstadt Belleville, beeindruckt von den musikalischen
Fähigkeiten des dortigen Pastors Jim Voelker. Der setzt sich im
Chorraum seiner Kirche an die elektronische Orgel und begrüßt die
Paderborner mit der deutschen Nationalhymne und Beethoven-Klängen.
Vom Libori-Tusch hat Jim Voelker noch nie etwas gehört. Da zückt
Manfred Müller sein Handy, und auf Tastendruck erklingen mehr als
8.000 Kilometer vom Paderborner Dom entfernt die markanten
Libori-Trompeten. Der Pastor von St. Michael lauscht aufmerksam,
greift in die Tasten – und spielt schon nach wenigen Augenblicken
den im fernen Paderborn berühmten Tusch nach. Vielleicht hilft ihm
dabei ein wenig das „Paderborn“-T-Shirt, das ihm zuvor
Freundeskreis-Geschäftsführer Dr. Otmar Allendorf überreicht hat.
Der Pastor von Paderborn, Illinois, hat es sogleich anprobiert.
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Ab 1859 erbaut, 1862 eingeweiht.
Die Kirche St. Michael in Paderborn, Illinois. |
Jim Voelker ist in der fruchtbaren Farm-Gegend
Pastor einer Mini-Gemeinde, zu der nur wenige Häuser gehören. Aber
zum Gottesdiensten am Sonntag kommen regelmäßig 300 Menschen. Und
viele von ihnen nehmen schon eine Viertelstunde vor Beginn in den
Bänken Platz. Weil sie wissen, dass ihr musikalischer Pastor vor
jeder Sonntagsmesse ein kleines Konzert gibt. „Ich liebe gute
Musik,“ sagt Jim Voelker. Die Fähigkeit, Noten zu lesen, sei bei ihm
allerdings nur spärlich ausgeprägt. Er spielt nach Gehör. Schon als
Zehnjähriger eiferte er damit seinem Vater nach.
Seit dem Frühjahr 2006 ist der 64-Jährige Pastor von
Paderborn – als Teilzeit-Seelsorger. An drei Tagen der Woche
arbeitet Voelker in seinem zweiten Beruf als Krankenpfleger in der
Notfallaufnahme eines Krankenhauses in East St. Louis. 32 Jahre
macht er das schon. Bevor er nach Little-Paderborn kam, war er 35
Jahre lang auch Seelsorger in East St. Louis, wo hauptsächlich
Afro-Amerikaner leben. „Paderborn ist klein genug, um keinen
Vollzeit-Priester zu brauchen“, lächelt Voelker. Seine kleine
Gemeinde könne das Priester-Gehalt einsparen, denn das Geld, das er
zum Lebensunterhalt benötige, verdiene er im Hospital.
Vielleicht war im kleinen Paderborn deshalb genug
Geld vorhanden, um ein neues Pfarrzentrum bauen zu können. Stolz
laden die Paderborner von St. Michael die ostwestfälischen Gäste zum
selbst bereiteten Mittagsbuffet in den Saal ihres Neubaus ein.
„Paderborn nach Paderborn“, ist mit dicken Lettern eine kleine
Fotogalerie im Eingangsflur überschrieben. Dort hängen Bilder vom
Paderborner Dom und Rathaus. Aber auch ein Foto der Kirche des
Michaelsklosters haben die Gemeindemitglieder von St. Michael dort
platziert. Ein Erinnerungsfoto der Buker Husaren, die vor Jahren
einmal zu Gast im kleinen Paderborn waren, darf nicht fehlen.
Draußen, an der Landstraße, informiert eine Willkommens-Tafel der
1843 von deutschen Einwanderern gegründeten St. Michaels-Gemeinde in
englischer Sprache: „Unsere Schwestergemeinde ist Paderborn in
Deutschland.“
Als der aus Langenberg im heutigen Kreis Gütersloh
stammende westfälische Auswandererpriester Caspar Ostlangenberg
(1810-1885) anno 1846 in Paderborn ein Taufregister eröffnete und
ein Kirchenbuch anlegte, hieß die Siedlung noch Prairie du Long. Die
Einweihung der St. Michels-Kirche erfolgte 1862. Ein Jahr zuvor
hatte mit Wilhelm Busch der erste hauptamtliche Pfarrer der Gemeinde
seinen Dienst angetreten. Er gab dem Ort den Namen Paderborn. Über
diesen Reverend William Busch ist wenig bekannt. Laut Pfarrchronik
kam er ,,von Furstenburg, Westfalien“ – und damit vermutlich aus dem
heutigen Bad Wünnenberger Stadtteil Fürstenberg. Er war bis 1863
Pfarrer von Paderborn. Danach verliert sich seine Spur.
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Blumen auf dem Priestergrab von 1943:
Ingrid Votsmeier (2.v.r.) hat sie niedergelegt. |
Die Besucher aus Paderborn versäumen nicht, den
Friedhof der St. Michaels-Gemeinde zu besuchen. Die Paderbornerin
Ingrid Votsmeier (72) hat ein Blumengebinde mitgebracht. Sie legt es
auf der Grabplatte von Father Francis Weskamp nieder, der von 1938
bis 1943 als Pfarrer in Paderborn wirkte. Dieser Franz Weskamp war
ein Onkel ihres 2006 im Alter von 78 Jahren gestorbenen Ehemannes
Bruno Votsmeier. Weskamp wurde 1884 in Schmechten bei Brakel
geboren. Er empfing 1916 in Innsbruck die Priesterweihe. Da er die
lateinische Sprache nicht beherrschte, konnte er in seinem
Heimatbistum Paderborn nur als Hilfsgeistlicher eingesetzt werden.
Als solcher war er unter anderem in Neuenbeken tätig. 1925 wanderte
Weskamp in die USA aus und wurde Priester im Bistum Belleville.
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Wanderte 1925 in die USA aus:
Der Priester Franz Weskamp.
Repro: Stüken |
Eine alte Paderbornerin, weit über 80, spricht
Ingrid Votsmeier an. Sie hat Father Weskamp noch gut in Erinnerung.
„Er hat mich getraut und meine Kinder getauft.“ Ein ehemaliger
Chronist von Paderborn hat schriftlich festgehalten, dass es
Reverend Weskamp in den ersten Jahren des Zweiten Weltkrieges,
seinen letzten Lebensjahren, gelungen sei, den Schulunterricht für
die Kinder von Paderborn durch deutsche Ordensschwestern vom
Kostbaren Blut zu sichern und den Namen seines Heimatbistums gegen
antideutsche Stimmen, die eine Umbenennung Paderborns forderten, zu
verteidigen. Der Blick auf den Grabstein offenbart sonderbare
Zufälle: Dieser Franz Weskamp ist an einem 14. Oktober geboren und
an einem 14. Oktober gestorben. Und der Tag, an dem die Besucher aus
dem fernen Paderborn an seinem Grab stehen, ist – der 14. Oktober.
In der Paderborner Partnerstadt Belleville wird die Reisegruppe des
Freundeskreises, die von Präsident Bernd Broer geleitet wird, nach
einer Messe in der Kathedrale St. Peter von Bischof Edward K.
Braxton (63) begrüßt, dem Oberhaupt der 104.000 Katholiken des
Bistums Belleville. Von den 124 Pfarrgemeinden in den 28 Kreisen des
südlichen Illinois, die zu seinem 1887 gegründeten Bistum gehören,
haben noch 76 einen eigenen Pfarrer. Wie die Gemeinde St. Libory,
die nach dem Paderborner Bistumspatron benannt ist.
Caspar Ostlangenberg war es, der 1838 im damaligen Oka, das später
Mud Creek (Schlammbach) genannt wurde und 1874 den Namen St. Libory
erhielt, die erste Messe feierte und 1839 das erste Gotteshaus, eine
Blockhaus-Kirche, segnete.
Der frühere Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt hat 1989 bei
einem Besuch in der 1883 eingeweihten heutigen Kirche von St. Libory
eine feierliche Messe zelebriert und damit die Verbindung über den
Atlantik unterstrichen. St. Libory, Illinois, das seitdem von einem
Bund der Freundschaft zwischen der Mutterkirche des heiligen
Liborius in Paderborn und der Schwesterkirche in den USA spricht,
darf daher auf dem Reiseplan der Paderborner Gruppe nicht fehlen.
Das Plattdeutsch, das in den aus Westfalen stammenden
Auswandererfamilien des Mittleren Westens über viele Jahrzehnte
gepflegt wurde, stirbt allmählich aus. Der heutige Seelsorger von
St. Libory, Dennis F. Voss, hält jedoch an einer Tradition fest. Zum
Jahresfest des Kirchenpatrons trägt er im Gottesdienst ein altes
Liborius-Gebet in deutscher Sprache vor.
Aus: Der Dom, Kirchenzeitung für das Erzbistum Paderborn, 62.
Jahrgang, Nr. 49, vom 9. Dezember 2007. Anmerkung: In der gedruckten
Fassung wurde Franz Weskamp versehentlich zum ,,Neffen” von Bruno
Votsmeier verjüngt – er war jedoch dessen Onkel. Der Fehler ist in
dieser Internet-Fassung korrigiert. W.St.
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