Trauer um großen Freund Paderborns
Bellevilles früherer Bürgermeister Richard Brauer ist tot

Im Alter von 75 Jahren ist am 25. Mai 2004 im Memorial Hospital seiner
Heimatstadt der frühere Belleviller Bürgermeister Richard Brauer gestorben. Er
erlag einem langjährigen Krebsleiden. Brauer, von seinen Freunden nur „Rich“
genannt, leitete von 1979 bis 1993 die Geschicke der 43.000 Einwohner zählenden
Paderborner Partnerstadt. Mit ihm sei einer der größten Förderer Bellevilles
gestorben, würdigte die Zeitung St. Louis Post Dispatch sein politisches Wirken.
Über seine Arbeit als Bürgermeister von Belleville hatte Brauer diesen
Wahlspruch gestellt: „Tue für die Mitmenschen, was Du selber von ihnen
erwartest.“ In den Tagen nach dem Tod wehten in Belleville viele US- und
Stadtfahnen auf Halbmast.
1988 leitete Bürgermeister Richard Brauer eine Delegation aus Belleville, die
auf der Suche nach einer deutschen Partnerstadt in Paderborn anklopfte. Nicht
ohne Grund: Hatten doch im 19. Jahrhundert viele Amerika-Auswanderer aus dem
Paderborner Land in und um Belleville eine neue Heimat gefunden, wovon nicht
zuletzt die Ortsnamen St. Libory und Paderborn in der später auch
"plattdeutschen Prärie" genannten Gegend östlich Bellevilles zeugen.
Brauer, in dessen Amtszeit Belleville 1989 das 175-jährige Stadtjubiläum
feierte, ist auf amerikanischer Seite der „Vater“ der Städtepartnerschaft, die -
nach Beschlüssen der Räte beider Städte - 1990 mit der offiziellen
Unterzeichnung der Urkunden im Paderborner Rathaus und im Jahr darauf in der
Belleviller City Hall offiziell besiegelt wurde. Die Paderborner Unterschriften
leistete der heutige Altbürgermeister Wilhelm Lüke, der damit das langjährige
europäische Freundschafts-Dreieck mit Le Mans und Bolton um eine dritte
Paderborner Städtefreundschaft anreicherte - diesmal eine Partnerschaft über den
Atlantik (später folgten noch das spanische Pamplona, das polnische Przemysl und
das ungarische Debrecen).
Ehefrau Dorothy ("Dottie"), mit der Richard Brauer 35 Jahre verheiratet war,
unterstützte den Aufbau der Partnerschaft mit Paderborn als Gründungspräsidentin
der Partnerschaftsorganisation Belleville Sister Cities (1992-1995) und ihres
1988 gegründeten Vorläufers Sister City Committee mit großem Engagement. Sie
will auch nach dem Tode Richard Brauers weiter für diese Freundschaft wirken.
Die Brauers waren gemeinsam mehrere Male zu Besuch an der Pader, gewannen hier
viele Freunde. Zum letzten Mal wurde Richard Brauer im September 2001 im
historischen Rathaus begrüßt - damals lernte er Lükes Amtsnachfolger Heinz Paus
kennen. Seine Krankheit zwang Brauer, einen Strich durch Planungen zur Teilnahme
an einer weiteren Deutschlandsreise 2003 zu machen. Als Bürgermeister Heinz Paus
im Sommer 2003 erstmals Belleville besuchte, konnte Richard Brauer an dem
Empfang für den Gast aus Paderborn teilnehmen. Es sollte einer der letzten
öffentlichen Termine sein, die Brauer noch wahrnehmen konnte. „Bei meinem Besuch
in Belleville im letzten Jahr spürte ich, wie ihm trotz seiner schweren
Erkrankung die Freundschaft der Menschen zwischen unseren beiden Städten ein
großes Herzensanliegen war. Ich empfinde dieses Anliegen als sein Vermächtnis,
wir werden es weiter mit Leben füllen, “ reagierte Heinz Paus auf die
Todesnachricht aus Belleville. Der Paderborner Rat legte zu Beginn seiner
Sitzung am 27. Mai eine Gedenkminute zu Ehren Richard Brauers ein.
Brauers Tod überschattete den seit langem vorbereiteten Besuch einer kleinen
Delegation des Deutsch-Amerikanischen Freundeskreises Paderborn unter Leitung
ihres Präsidenten Bernd Broer und ihres Geschäftsführers Dr. Otmar Allendorf vom
27. bis 31. Mai in der amerikanischen Partnerstadt. Und doch war es kein
tiefschwarzer Schatten: Mit Freude und Dankbarkeit reagierten Brauers Witwe
Dottie und die Geschwister des Verstorbenen auf die Teilnahme der Paderborner an
den Trauerfeierlichkeiten. „Wir empfinden dies als eine große Ehrung für das
verstorbene Oberhaupt unserer Familie“, sagte der jüngere Bruder des
Verstorbenen, Bill Brauer. Insbesondere auch, weil Altbürgermeister Wilhelm Lüke
es sich nicht nehmen ließ, zur Beerdigung ins das 8.600 Kilometer entfernte
Belleville zu fliegen. "Wir sind gute Freunde geworden", sagte Lüke. Er hatte
den mit einer Widmung versehenen Kugelschreiber dabei, den Richard Brauer ihm 13
Jahre zuvor nach der Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunden geschenkt hatte.
Freundeskreis-Präsident Bernd Broer betonte, Richard Brauer habe sich als
Initiator und Förderer der Städtepartnerschaft „unvergängliche Verdienste“
erworben. Er bekundete Dottie Brauer die tiefe Anteilnahme des
Deutsch-Amerikanischen Freundeskreises. In Paderborn wird demnächst ein
öffentlicher Gedenkgottesdienst für Richard Brauer gefeiert.
Angesichts des Todes von Richard Brauer wollte der traditionelle Frühlingstanz,
den die Belleviller Gastgeber wegen des Besuchs aus Paderborn um einen Monat auf
Ende Mai verschoben hatten, auf den ersten Blick nicht mehr so recht in das
Besuchsprogramm passen. "Ihn abzusagen, wäre nicht im Sinne des Verstorbenen",
entschieden sich Doris Roach, Präsidentin von Belleville Sister Cities und ihre
Vorstandskollegen aber für die Durchführung des Tanzabends und erklärten ihn
kurzerhand zu einem Rich-Brauer-Gedenkfest. Am Morgen danach war es Doris Roach,
eine hervorragende Sängerin, die mit eindrucksvollen Liedern die Trauerfeier für
Richard Brauer in der Kapelle eines Beerdigungsinstitutes umrahmte. Unter den
Rednern, die hier das Wort ergriffen, um Richard Brauer zu würdigen: Wilhelm
Lüke. Unter den vielen Blumen, die die Kapelle schmückten, stand an
herausragender Stelle neben einem in Öl gemalten Portrait Richard Brauers ein
Gebinde mit einem schwarz-rot-goldenen Flor und einem weiteren Flor in den
Paderborner Stadtfarben. Der Abschiedsgruß der Partnerstadt für einen großen
Freund.
Was diese amerikanische Trauerfeier vor allem von einer deutschen unterschied:
Ein Neffe Brauers, der die Zeremonie leitete, ermunterte die Anwesenden, mit
eigenen Erinnerungen an Richard Brauer das Wort zu ergreifen. Einer von ihnen:
Mark Kern, seit 1997 Brauers Nach-Nachfolger als Bürgermeister Bellevilles und
nicht nur als Vertreter der „Good Government“-Partei in dessen Tradition
stehend, berichtete, wie er einst mit Unterstützung seines Vorbildes und Mentors
die ersten politischen Gehversuche als Kandidat für den Rat der Stadt Belleville
unternahm. In kurzen, spontanen Beiträgen wurden von weiteren Teilnehmern der
Trauerfeier bewegende persönliche Erlebnisse mit Richard Brauer geschildert,
ebenso aber auch mehrere fröhliche Anekdoten, die die Trauergemeinde herzhaft
lachen ließen. Dieser Rich Brauer wird auch als ein sehr humorvoller Mensch in
Erinnerung bleiben.
Bevor er Belleviller Bürgermeister wurde (ein Amt, in das er von den Belleviller
Bürgern dreimal wiedergewählt wurde), war der Stukkateur unter seinem Vorgänger
Charles Nichols fünf Jahre City-Clerk. Er bekleidete damit das ebenfalls
politische Amt des wichtigsten Sekretärs der Stadt. Eine der herausragenden
Entscheidungen seiner Ära als Bürgermeister (Mayor): Die eine Stimme, in der
zuständigen Kommission den Ausschlag zur Verlängerung des Stadtbahnsystems
„Metrolink“ der benachbarten Großstadt St. Louis um 17 Meilen von East St. Louis
bis nach Belleville in den Kreis St. Clair gab, war die Richard Brauers. Als die
Strecke 2001 eröffnet wurde, war er längst im Ruhestand. Aber auch nach seinen
aktiven Jahren in der Politik blieb Brauer ein gefragter Ratgeber: Er gehörte
der Kommission für öffentliche Gebäude im Kreis St. Clair an, zu deren
wichtigsten Projekten in den 90er Jahren die Realisierung des
Midamerica-Flughafens am Rande von Belleville zählte. Auch daran wurde in der
Trauerfeier erinnert.
Eine Motorrad-Eskorte der Belleviller Polizei geleitete nach der Zeremonie in
der Kapelle die schwarze Limousine mit der Urne und die nachfolgende lange
Fahrzeugkolonne zum Friedhof Walnut Hill. Die Fahrt führte an der langjährigen
Wirkungsstätte Brauers, der City Hall, vorüber. Unter den Teilnehmern der
Beerdigung: Der Kongressabgeordnete Jerry F. Costello und Tom Holbrook,
Belleviller Abgeordneter (State representative) im Capitol von Springfield, dem
Parlament des Bundesstaates Illinois. Auf dem Friedhof feuerten Veteranen der US-Army, der Brauer von 1951 bis 1953
angehört und in der er am Koreakrieg teilgenommen hatte, Salutschüsse ab. Den
Wunsch, dass der Seele des immer hilfsbereiten, stets freundlichen Richard
Brauer ein Platz in einer besseren Welt beschieden sei, symbolisierten zwölf
weiße Tauben. Sie wurden unweit des Urnengrabes aufgelassen und entschwebten in
den blauen Himmel über der Partnerstadt.
Wenige Tage vor seinem Tode hatte der deutsche Botschafter in den USA, Wolfgang
Ischinger (Washington), die Verdienste des früheren Belleviller Bürgermeisters
und seiner Frau Dottie um die Pflege und Förderung der deutsch-amerikanischen
Beziehungen mit einer Freundschafts-Urkunde der Bundesrepublik gewürdigt. Das
Dokument hatte Honorarkonsulin Anna Mayer Beck (St. Louis) bei einem Empfang in
Belleville an Dottie Brauer überreicht - in Anwesenheit von Paderborns
Vize-Bürgermeisterin Elsbeth Menneken. Sie weilte gerade anlässlich des
Kunstfestivals "Art on the Square" mit der Paderborner Künstlerin Petra
Hartmann in der Partnerstadt.
Der todkranke Richard Brauer war noch in der Lage, die Urkunde, die ihm seine
Gattin ans Krankenbett brachte, zu betrachten - und sich über diese Ehrung zu
freuen. Es sollte die letzte Auszeichnung seines Lebens sein.
________________________________________________

Gutes Team für eine gute Städtepartnerschaft: Richard und Dottie Brauer bei
ihrem Paderborn-Besuch im Jahre 1992.

Verstanden sich prächtig: Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt, Dottie und
Richard Brauer bei einem Empfang im Paderborner Rathaus. Degenhardt wurde 1998,
vier Jahre vor seinem Tod, zum zehnjährigen Bestehen des Deutsch-Amerikanischen
Freundeskreises zu dessen Ehrenmitglied ernannt. Dottie Brauer ist seit 1996
Ehrenmitglied.

"Sitzung" mit Folgen: Dieser Chorstuhl aus der ehemaligen St. Liborius-Kirche
von St. Louis war mit anderem Kircheninventar 1992 versteigert worden, weil die
stark geschrumpfte, im 19. Jahrhundert von deutschen Auswanderern gegründete
Gemeinde die Kosten des Gotteshauses nicht mehr tragen konnte und die Kirche
deshalb schließen musste. Richard Brauer und Ellen Rost, die damalige
Präsidentin des Deutsch-Amerikanischen Freundeskreises, entdeckten den Stuhl ein
Jahr später in einer Kneipe in O‘Fallon bei Belleville, nahmen darauf Platz und
überlegten. "Der schöne Stuhl hat eine schönere Bleibe verdient", befand Rost,
kaufte ein weiteres Jahr später nach nicht ganz einfachen Verhandlungen dem Wirt
das Kirchenmöbel - auf dem Foto ist der hölzerne Pfau der mittleren Armlehne
noch verschollen - ab und ließ es nach Paderborn transportieren. Seit 1995 ist
der restaurierte, "Peacock-Chair" aus dem Mittleren Westen der USA das
Schmuckstück im Eingangsfoyer des Paderborner Rathauses.

1993: Richard Brauer zeigt Freunden aus Paderborn mit einem Stock, wie tief
sein Wochenendhaus am Nebenfluss Kaskaskia im verheerenden
Mississippi-Hochwasser versunken war.

Treffen zum zehnjährigen Bestehen der Partnerschaft in Belleville im Jahr
2000: von links Dottie Brauer (Gründungspräsidentin von Belleville Sister
Cities) Paderborns Altbürgermeister Wilhelm Lüke, die Präsidenten von Belleville
Sister Cities Ruth Fritz (1998/99) und Richard Berkel (1996/97), in der
Bildmitte Richard Brauer, Gary Hopfinger (Präsident 2000/01), der amtierende
Belleviller Bürgermeister Mark Kern und Bernd Broer, Präsident des
Deutsch-Amerikanischen Freundeskreises Paderborn.

Zur Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde auf Belleviller Seite 1991
brachte die Paderborner Delegation zwei Trachten aus dem Paderborner Land für
ein Museum in der Sister City mit. Sie wurden von den Freundeskreis-Mitgliedern
Marianne Rosenkötter (+ 2000) und Manfred Rosenkötter getragen. Über das
Geschenk für Belleville freuten sich Bürgermeister Richard Brauer (links) und
Gattin Dottie (rechts).

In der Kapelle eines Belleviller Beerdigungsinstitutes: Vor einem Ölbild
Richard Brauers steht das Blumengebinde aus Paderborn. Auf dem Tisch links die
von Blumen umhüllte Urne mit der Asche des verstorbenen Bürgermeisters, an der
Wand die Belleviller Stadtfahne.

Ein Veteran der US-Army salutiert an der Urne: Beisetzung Brauers auf dem
Friedhof Walnut Hill.
Text und alle Fotos: Wolfgang Stüken |